2011 – mein Sabbatjahr. Ich schloss meine Unternehmen für ein Jahr, kündigte meine Mitarbeiter und lagerte die Büromöbel ein. Die Kunden waren informiert in der Hoffnung, sie sind noch da, wenn ich meine Beratungstätigkeit wiederaufnehmen würde. Meine Mitarbeiter zu kündigen war eine unsichere und auch traurige Entscheidung. Würden wir nach dem Jahr wieder zusammenfinden? Wo werden wir wohl nach einem Jahr sein? Wie werden wir uns verändert haben? So trafen wir die Entscheidung meiner Auszeit zwar gemeinsam, bereiteten alles dafür vor, doch am Ende lag die Verantwortung bei mir. Sollte diese Entscheidung ein Fehler sein? Was, wenn ich den Neustart nicht mehr schaffen würde? Jetzt weiß ich, dass das Sabbatjahr die mutigste und wichtigste Entscheidung meines bisherigen Lebens war. Damals schien ich keine andere Wahl zu haben. Nach 15 Jahren Unternehmensaufbau und Beratungstätigkeit brauchte ich dringend eine Pause.
Tanzen sollte es sein, womit ich das Jahr sinnvoll füllen wollte, und das in London. Als Lateinturniertänzerin wusste ich, dass man in London gut tanzen konnte. So fuhr ich nach London, um mir Wohnung, Tanzstudio und Tanzpartner zu suchen. Völlig überfüllte Züge und Busse, Hektik in den Straßen, unendlich lange Wege zum Ziel und die schwere Suche nach einem geeigneten Tanzstudio zerrten an mir. Erschöpft saß ich dann irgendwann in einem Café und stellte mir die Frage, warum ich mir das alles zumute? In Hannover hatte ich einen Tanzpartner, Trainer, Tanzstudios, Freunde und eine schöne Wohnung. Also warum dieser Stress in London? Ein alter Traum? Dann dämmerte es mir: Ich schämte mich.
Ich schämte mich, ein Jahr Auszeit zu nehmen. Was würde wohl mein berufliches Umfeld denken, wenn ich plötzlich nicht mehr arbeiten würde? Würde man denken, mein Unternehmen wäre pleite gegangen? Das man meine Entscheidung als mutig und luxuriös verstehen könnte, kam mir nicht in den Sinn. London war für mich ein Entkommen vor der Angst vor Gerüchten. Als mir diese Scham klar wurde und wie ich mir für andere den Stress in London antat, packte ich meine Sachen und kam zurück nach Hannover.
Ich ging, um zurückzukommen. Ich ging, um zu erkennen, dass es in diesem Jahr um mich geht und nicht darum, was andere vielleicht über mich denken könnten.
Die Entscheidung nach London zu gehen und auch der Versuch, dort zu leben, waren genau richtig. Ich brauchte den Weg, um hier in Hannover und bei dem, was mir wichtig ist, anzukommen. In den letzten Jahren, in denen ich wieder als Beraterin arbeite, sehe ich, dass in Unternehmen Entscheidungen getroffen werden, die in dem Moment des Entschlusses genau richtig schienen. In der Ausführung jedoch erkennt so mache Führungskraft, dass sie wieder einen anderen Weg wählen möchte. Den Mut zu haben, eine Entscheidung neu zu treffen und einen Weg scheinbar „abzubrechen“ ist für viele eine große Herausforderung. Schwäche und Inkonsequenz sind leicht unterstellt. Gesichtsverlust – zumindest die Angst davor – sind nah. „Abgebrochene“ Wege neu zu verstehen, sie als Erkenntnisgewinn zu erfahren und eine neue Entscheidung als Stärke zu verstehen – das ist die Herausforderung.
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