Emotionen im Business sind Tabu. So erlebe ich die obersten Führungsebenen in Großunternehmen. Und doch, sobald Emotionen „erlaubt“ sind, gewinnt die Zusammenarbeit im Change Prozess zwischen den Beteiligten, wie auch zwischen Kunde und Berater eine andere Qualität. Zügiger kommen die eigentlichen Themen und Anliegen des Change Prozesses auf den Tisch und die Beteiligten sprechen offener und klarer über Befürchtungen und Erwartungen.

Eine Story aus eigener Change Management Praxis…

Emotionen im Business: spürbar und doch tabuisiert

Wie sagte ein Kunde mal zu mir als ich mich dafür schämte, Kaffeeflecken auf meine Unterlagen gemacht zu haben, „das macht Sie menschlich.“

Emotionen, sie sind allgegenwärtig, doch man tut eher so, als gäbe es sie nicht. Man fühlt sie, jedoch werden sie selten ausgesprochen. Jeder reagiert danach, aber kaum jemand gibt sie zu. Weder die „positiven“ Emotionen, wie Freude und Stolz, noch die „negativen“ Emotionen, wie Neid und Angst, scheinen erlaubt.

Mehrfach am Tag fühlen wir unterschiedliche Emotionen. Gleichzeitig wird versucht, gleichförmig zu wirken – so meine Beobachtung. Je höher die Führungsetage, desto gefühls-tabuisierender scheinen Gefühle zu werden. Die Angst scheint zu groß, als schwach zu gelten.

Ein Kunde erwähnte mal, „Gefühle zu zeigen, signalisiert Führungsschwäche.“ Er glaubte, dass seine Mitarbeiter von ihm verlangten, dass er zu jederzeit und in jeder Situation Antworten haben müsste. Unsicherheit, Sorgen, Angst aber auch Stolz und Freude seinen unangebracht und würden seine Autorität untermauern.

Ob privat oder im Business: Menschen brauchen Nähe und Zugehörigkeit

Jeder Mensch, ob Kind oder Vorstandvorsitzender, möchte sich wohlfühlen. Wir möchten uns angenommen fühlen. Wir sehnen uns danach, so geliebt zu werden, wie wir wirklich sind. Mauern von Schutz und Vorsicht fallen zu lassen und aussprechen, wie wir uns wirklich fühlen, was uns bewegt oder was uns zu bestimmten Entscheidungen führt. Die Sehnsucht nach Nähe, Verbundenheit, Zugehörigkeit gehört zu uns Menschen. Und doch ignorieren und auch fühlen wir dies im Business-Kontext nur selten.

Auch ich habe meine dazu Erfahrung gemacht.

Kühl, reserviert und „männlich“: Damals als „junge“ Change Management Beraterin

Keine Emotionen zeigend, hektisch, kurz angebunden, so lernte ich meine Kunden kennen, als ich 1997 meine Beratertätigkeit aufnahm. Und auch ich verhielt mich so. Sogar meine Kleidung wählte ich männlich. Dem Kunden ähnlich und auf seiner Wellenlänge sein, so hatte ich es gelernt. Ich lebte nach dem Glaubenssatz, man kann nur erfolgreich sein, wenn man sich männlich zeigt und sich den ungeschriebenen Normen der (männlichen) Führungsetagen anpasst.

Weiblich und warmherzig darf sein, auch in den obersten Führungsetagen

Fast 15 Jahre nach Gründung meines Beraterunternehmens änderte ich meine Einstellung und mein Verhalten. Mein Sabbatjahr war der Anlass. Ein Jahr ganz ohne Anzüge, Beratung, Kunden und Businessgespräche. Ich vermied jeglichen Kontakt mit der Businesswelt. Ich wollte erkennen, wer ich bin, wenn ich nicht arbeite. Wie verbringe ich meine Tage ohne Change Projekte, ohne Termine, Druck und Überstunden? Was wird mir gefallen? Wie werde ich mich kleiden? Mit welchen Menschen werde ich mich umgeben? Was wird mir wichtig sein?

Ich erkannte, dass ich eigentlich warmherziger war, als ich mich im Businesskontext bisher zeigte. Dass ich eigentlich einen liebevolleren Umgang brauchte, als ich bisher selbst pflegte. Ich liebte Menschen. Ich wollte mehr über sie wissen. Ich entdeckte meine Neugierde. Ich liebte Farben, Spannung, Abenteuer und vor allem den Tanz.

Mit Vertrauen „dürfen“ auch Emotionen sein

Mir wurde klar, dass es in der Beratung mit dem Kunden besonders um Vertrauen geht. Der Kunde braucht Vertrauen zum Berater. In erster Linie will er vertrauen, dass er mit seinen Anliegen, Befürchtungen, Themen vom Berater gesehen, gehört und verstanden wird. Er will jemanden vor sich haben, dem er sich als Person und nicht nur als Kunde anvertrauen kann. Insgeheim möchte er jemanden vor sich, mit dem er sich wohlfühlt.

Authentisch sein und sich „zeigen“ geht auch in der Beratung mit dem Kunden

Mit der Erkenntnis über mich selbst und über meine Kunden entschied ich, Emotionen mehr in meiner Beratertätigkeit zuzulassen – meine eigenen, aber auch die der Kunden. Der Weg war einfach: Ich wollte mich mehr zeigen – nicht nur mit dem, was ich kann, sondern eher mit dem, wer ich bin. Mit meinen Erfahrungen, ob schwierig oder leicht, mit dem, was ich im Leben oder durch das Leben gelernt hatte, mit den Themen, die mich beschäftigen und den Freuden und vielleicht auch Leiden, die ich habe und erlebte. Ich wollte mich als Mensch und nicht nur als Beraterin zeigen.

Ich wollte keine Freundschaft mit dem Kunden. Mein Sich-zeigen vor dem Kunden sollte sich schon von dem mit einer Freundin unterscheiden. Mein Ziel war, einen Teil dazu beizutragen, dass Emotionen in Unternehmen angesprochen werden dürfen.

Anfangen musste ich dafür bei mir selbst! Mit meiner Einstellung Emotionen gegenüber, mit meiner Angst, mich dem Kunden gegenüber auch mit einen anderen ICH als dem der Beraterin zu zeigen.

Der Wandel beim Kunden: Nicht mehr oberflächig oder schuldzuweisend

Schon bald spürte ich auch beim Kunden einen Wandel. Situationen aus dem Unternehmen und dem Change Prozess wurden nicht mehr „oberflächig“, schuldzuweisend, rechthaberisch oder abwinkend besprochen. Meine Gesprächspartner zeigten mehr Empathie für andere Sichtweisen, mehr Selbstkritik und auch persönliche Distanziertheit vom Geschehen.

Die Gespräche drehten sich nun mehr um die Fragen:

  • Worum genau geht es?
  • Was hat die Menschen dazu gebracht, so zu handeln oder zu denken?
  • Was wird gerade vom wem gebraucht?
  • Wie können wir unterstützen?

Auch erzählte mein Kunde mehr davon, wie es ihm in bestimmten Situationen erging. Welche Gedanken und Gefühle ihn dabei begleiten. Unsere Zusammenarbeit erlangte eine neue Qualität.

Emotionen nun auch in Workshops und Konferenzen „erlaubt“

Die Rechnung ging auf. Nicht nur bilaterale Gespräche wurden offener, sondern Schritt für Schritt gewannen auch Besprechungen, Workshops oder sogar Konferenzen mehr Offenheit. Emotionen bekamen einen legitimierten Platz. So wurde in Reden der Führungskräfte nicht nur erwähnt, wie sich bestimmte Situationen auf das Unternehmen auswirken, sondern auch wie man sich dabei fühlt. In Arbeitseinheiten erhielten die Beteiligten mehr Spielraum über Befindlichkeiten zu sprechen, sowie Sorgen und Erwartungen zu teilen.

Emotionen: Ein Gewinn für Change Prozess und Unternehmen!

Offenheit, die wirklichen Themen und Anliegen anzusprechen. Lösungen außerhalb der Reihe vorzuschlagen. Rückmeldung zu geben, auch wenn diese äußerst negativ ist. Direkt Kritik vor Ort zu geben. Das Gefühl von Vertrauen, Wertschätzung und Engagement, sich für das Unternehmen einsetzen – alles das ist ein Resultat davon, ein Umfeld zu fördern, indem Emotionen angesprochen werden dürfen.

Wir Change Berater können unseren Teil dazu beitragen!

Dankbar und mit herzlichen Grüßen
Ihre
Carole Maleh

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